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Warum Jobs meistens über Bekannte kommen und nicht über enge Freunde

Wenn jemand über einen anderen Menschen zu einem Job kommt, ist dieser Mensch selten der beste Freund. Meistens ist es jemand Entfernteres: ein früherer Kollege, der Freund eines Freundes, jemand, mit dem man zwei Jahre lang zu tun hatte und seit fünf Jahren nicht mehr gesprochen hat. Dafür gibt es eine klassische Erklärung, und es lohnt sich, sie mit ihren Grenzen zu erzählen.

Das ursprüngliche Argument

Es stammt aus einem Aufsatz von Mark Granovetter mit dem Titel The Strength of Weak Ties, veröffentlicht 1973. Der vorgeschlagene Mechanismus ist einfach und immer noch überzeugend: Deine engen Freunde bewegen sich in derselben Welt wie du. Sie kennen dieselben Leute, lesen dasselbe, erfahren dasselbe. Die Information, die sie haben, hast du entweder schon oder bekommst sie ohnehin.

Entfernte Bekannte dagegen stehen in anderen Kreisen. Gerade weil sie dein Umfeld nicht teilen, wissen sie Dinge, die in deinem Umfeld nicht zirkulieren: dass eine Stelle frei wird, dass jemand geht, dass irgendwo aufgebaut wird. Die schwache Verbindung wirkt als Brücke zwischen zwei Gruppen, die sich sonst nicht berühren. Daher der Name: Die Stärke liegt in der Schwäche der Bindung, denn eine schwache Bindung verbindet Welten und eine starke verbindet innerhalb derselben Welt.

Aus welcher Stichprobe das stammt

Das wird fast nie mitzitiert, und ohne diesen Teil klingt der Befund solider, als er ist. Die Originalstudie befragte Männer in Berufen aus dem professionellen, technischen und leitenden Bereich in einem einzigen Vorort in den USA: Newton, Massachusetts. Kleine Stichprobe, eine Region, ein Geschlecht, ein Beschäftigungstyp — und das vor mehr als fünfzig Jahren.

Nichts davon widerlegt den Mechanismus, aber es verlangt Zurückhaltung. Arbeitsmärkte sind nicht überall und nicht in jeder Branche gleich gebaut, und der deutsche Arbeitsmarkt funktioniert erkennbar anders als der amerikanische, mit anderen Wegen ins Unternehmen und anderer Rolle formaler Bewerbungen. Wie groß dieser Unterschied genau ist, gehört zu den Dingen, die man ohne belastbare Quelle nicht behaupten sollte. Wer dir das Ergebnis als universelles Gesetz verkauft, lässt jedenfalls die Hälfte des Aufsatzes weg.

Die moderne Replikation

2022 veröffentlichte ein Team um Karthik Rajkumar in Science eine Untersuchung in ganz anderem Maßstab: Zuweisungsexperimente auf LinkedIn mit Millionen von Nutzern, die es erlaubten, die Beziehung kausal und nicht nur korrelativ zu betrachten. Das Ergebnis stützt die ursprüngliche Idee im Kern: Schwächere Bindungen helfen beim Jobwechsel mehr, als ihre Kontakthäufigkeit vermuten ließe.

Mit einer wichtigen Einschränkung. Der Effekt war nicht bei den allerschwächsten Bindungen am größten, sondern bei den mäßig schwachen: Leuten, mit denen man einige Kontakte teilt, aber nicht den ganzen Kreis. Völlig Fremde helfen wenig, unter anderem weil sie keinen Grund haben, dich zu empfehlen. Und man muss dazusagen, was die Studie abdeckt: Online-Jobsuche, Bürotätigkeiten, innerhalb einer bestimmten Plattform.

Was man daraus macht, ohne unerträglich zu werden

Hier kippt die Idee gerne. Falsch gelesen wird daraus, Menschen als Infrastruktur zu behandeln: Bekanntschaften vorsorglich pflegen, mit versteckter Absicht schreiben. Das ist nicht nur unangenehm, es fällt auf, und wer es tut, erreicht meistens das Gegenteil.

Die vernünftige Lesart ist erheblich bescheidener. Erstens: Eine Bindung muss nicht tief sein, um wertvoll zu sein — den Kontakt zu früheren Kolleginnen und Kollegen vollständig absterben zu lassen hat also reale Kosten, die man erst merkt, wenn man sie braucht. Zweitens: Was eine schwache Verbindung am Leben hält, ist winzig, ein bis zwei Interaktionen im Jahr, und das ist mit Aufrichtigkeit gut vereinbar.

Und drittens, das Praktischste: Wenn du einen Job suchst, sind die Leute, die du fragen solltest, nicht deine fünf engsten Freunde, die ohnehin dasselbe wissen wie du. Es ist der äußere Ring. Zehn Menschen zu schreiben, mit denen du vor Jahren zu tun hattest, und in zwei Sätzen zu sagen, was du suchst, gehört immer noch zu den wirksamsten Dingen, die man tun kann — und kaum jemand empfindet eine solche Frage als Zumutung.

Diese Nachricht funktioniert allerdings deutlich besser, wenn sie nicht nach sieben Jahren absoluter Stille aus dem Nichts kommt. Nicht weil man Kontakte strategisch kultivieren sollte, sondern weil Verbindungen, in denen noch etwas lebt, leichter wieder aufzunehmen sind — dafür und für alles andere auch.