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Wie viele enge Freunde braucht man wirklich?

Diese Frage wird fast nie aus Neugier gestellt. Sie wird gestellt, nachdem jemand gezählt hat. Man geht im Kopf das eigene Leben durch, kommt auf zwei Menschen, oder auf einen, oder auf keinen, und will wissen, ob das noch normal ist. Also vorweg: Es gibt keine richtige Zahl, und wer dir eine nennt, beschreibt sein eigenes Leben.

Warum keine Zahl funktioniert

Die kursierenden Werte stammen aus Umfragen über Bevölkerungsdurchschnitte, und ein Durchschnitt ist keine Empfehlung. Außerdem verändert sich die Frage vollständig mit dem, was jemand unter engem Freund versteht. Für die einen ist das jemand, den man um drei Uhr nachts anrufen würde. Für andere jeder, mit dem man ernsthaft reden kann. Bei so unterschiedlichen Definitionen sind die entstehenden Zahlen untereinander nicht vergleichbar — und mit dir schon gar nicht.

Dazu kommt ein echter Temperamentsunterschied. Es gibt Menschen, die sich mit einer sehr tiefen Freundschaft und einem breiten Kreis angenehmer Bekannter vollständig fühlen. Und es gibt Menschen, die vier oder fünf Vertraute brauchen und sich mit weniger eng fühlen. Keine dieser Konfigurationen ist ein Mangel.

Was du eigentlich fragst

Fast immer steckt eine von drei Fragen dahinter, und alle drei beantwortet man besser ohne Zahlen.

Ist es seltsam, dass es so wenige sind? Nein. Die Zahl tiefer Freundschaften bei Erwachsenen liegt deutlich niedriger, als Alltagsgespräche vermuten lassen, besonders ab dreißig. Fast alle kommen mit einer sehr kleinen Handvoll aus, und viele mit weniger, als sie in der Öffentlichkeit angeben.

Ist es riskant, wenn alles an einer Person hängt? Diese Frage verdient Aufmerksamkeit, aber nicht wegen der Zahl, sondern wegen der Struktur. Wenn alles, was du erzählen musst, in eine einzige Person passt, trägt diese Person ziemlich viel, und du bist dem ausgeliefert, was in ihrem Leben passiert: ein Umzug, ein Kind, eine schlechte Phase. Man muss Freundschaften nicht aus Sicherheitsgründen vervielfachen, aber es sollte mehr als einen Ort geben, an dem du ehrlich sein kannst.

Sollte ich etwas dagegen tun? Das hängt von einer Angabe ab, die nur du hast: wie du dich in einer normalen Woche fühlst. Fühlst du dich begleitet, ist die Zahl in Ordnung, welche auch immer es ist. Gibt es etwas, das du seit Monaten niemandem erzählen konntest, dann gibt es tatsächlich etwas zu tun — und zwar nicht mehr Leute, sondern mehr Tiefe mit denen, die schon da sind.

Was fehlt, sind meistens nicht Freunde

Wenn jemand das Gefühl hat, zu wenige enge Freundschaften zu haben, fehlen sehr oft keine Menschen, sondern Gelegenheiten. Die Gespräche, die Nähe erzeugen, brauchen Zeit ohne Format: Wege, Spaziergänge, Kochen, Warten, die halbe Stunde, in der nichts mehr zu tun ist. Das Erwachsenenleben eliminiert diese Ränder recht zuverlässig, und dann bleiben Beziehungen im freundlichen Register — nicht weil die Bindungen oberflächlich wären, sondern weil es nie eine Zeit gibt, in der sie es nicht mehr sein müssten.

Das zweite verbreitete Defizit ist Kontinuität. Eine Freundschaft wird tief, wenn Gespräche aneinander anknüpfen: Du weißt noch, was letztes Mal in der Schwebe war, und fragst danach. Wenn jedes Treffen bei null anfängt, kann die Bindung warm sein und trotzdem nichts ansammeln. Und dieses Anknüpfen hängt weniger von der Frequenz ab als davon, dass das Erzählte dir unterwegs nicht verdunstet ist.

Eine ehrlichere Art hinzusehen

Statt zu zählen, versuch es mit diesen drei Fragen: Gibt es jemanden, der weiß, wie es mir diesen Monat wirklich geht? Wenn mir morgen etwas Schweres passiert, wem würde ich es sagen, und in welcher Reihenfolge? Gibt es jemanden, für den ich dieser Platz bin?

Wenn du Antworten hast, hast du, worauf es ankommt, auch wenn es wenige sind. Wenn du keine hast, lautet die Aufgabe nicht, mehr Freunde zu finden, sondern dich bei jemandem, der schon nah ist, ein Stück weiter zu öffnen. Das ist meist viel weniger Arbeit, als es aussieht, und fängt fast immer damit an, eine Sache zu erzählen, die man normalerweise nicht erzählt.